Fort Romeau: »Insides«

In aller Regel trägt das Modische im Pop eher zu geschmacklichem Unbehagen bei. Es arbeitet sich auf zwei Ebenen an seinem Gegenstand ab: Einerseits funktioniert es wie grobkörniges Schleifpapier — mit jeder neuen Runde im Karussell schmirgelt es eine weitere Kante ab, bis am Ende die Schablone bleibt, eine universelle Passform, in die sich mit ein paar kundigen Handgriffen so ziemlich alles pressen lässt; es bildet gewissermaßen die Blaupause für popmusikalische Readymades. Andererseits verleitet es dazu, die derart generierte Form in ihrer Bedeutung über den Gehalt zu stellen — etwas zuordnen zu können wird wichtiger, als der Wunsch es zu verstehen. Diese Mechanismen des Modischen, sie funktionieren verlässlich, beinahe so verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Aber eben nur beinahe. Gelegentlich entgleiten der Gewalt des Schleifsteins kleine Fragmente und donnern dank der ihnen zugeführten Fliehkraft hinaus aus dem Zyklus des ewig Gleichen in eine Art ahistorische Schwerelosigkeit. Dann funktionieren die gewohnten Mechanismen nicht mehr und das führt zu Irritationen. Plötzlich ist da ein unförmiger, durch das Raster gerutschter Pop, der ein kleines bisschen hässlich aber eben deshalb schön ist. Der die ganze Schwere seiner Herkunft in sich trägt, sie gleichwohl nicht elegisch wiederkäut, sondern das gesamte Konstrukt in Schwingung versetzt, um mithin die Kräfte zu entfesseln, die es in sich trägt. Das sind dann jene Momente, in denen Platten in etwa so viel Emotionen aufrühren können, wie der Stinkefinger von Yanis Varoufakis. In jüngerer Vergangenheit zum Beispiel so geschehen bei D’Angelo & The Vanguards ›Black Messiah‹ oder – weniger durch ungefilterten Zorn denn überbordende Klangdichte geschürt – Fort Romeaus ›Insides‹.

Absolut nichts Innovatives lässt sich an der Platte entdecken. Im Gegenteil, was den Entwicklungsstand elektronischer Musik betrifft, gleicht das Album eher einem barocken Stillleben. Und genau darin verbirgt sich die Faszination. In der fast schon absurden Durchdachtheit der Arrangements, der Detailversessenheit, der Klangdichte, der Opulenz. Die Sounds und Räume sind derart penibel texturiert, dass sie in ihrem klanglichen Facettenreichtum fast den Rahmen des Musikalischen zu sprengen drohen und gegenständlich werden. Da sind diese subkutan wogenden Basslinien, die sich anfühlen, als würde man durch flüssige Schokolade waten, die pluckernden Synthesizer, die mit jedem Nadelstichton den Sehnerv penetrieren — wie diese Farbflecken, die auf der Innenseite der geschlossenen Augen entstehen, wenn man sich nur genug konzentriert. Da ist die wie aufplatzende Trauben knallende Kickdrum — als hätte man alte Trax-Platten aufpoliert. Es steckt ungemein viel brachial wuchtiger Funk in ›Insides‹, der ein unentrinnbar körperliches Begehren weckt. Mike Greene paart ihn mit konstant mitschwingenden Untertönen kosmischer Sehnsucht und dieser für Ghostly-Platten so charakteristischen, seidig schimmernden Oberfläche. Derart entsteht ein komplexes sinnliches Gebilde, in dem das Musikalische eher zum Auslöser für ein psychoaktives Körpererleben wird, irgendwo zwischen verschwitztem Warehouse-Moment und träumerischer Gegenwartsvergessenheit.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Ghostly Intl.
 


›Insides‹ erscheint auf Ghostly International.

 

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