Temples: »Sun Structures«

Das Kunstwerk reflektiert uns die Identität der bewußten und der bewußtlosen Tätigkeit.
 
— Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

 
Temples’ ›Sun Structures‹ ist ein Laster — wie der nächtliche Cheeseburger im Rausch oder die Flasche Cola am Morgen danach. Es ist das Gift im adornitischen Pop-Cocktail, die Verlockung einer etwas größer gewobenen Masche im Gewebe der Selbstregierungstechniken, in der man doch auf halbem Wege nach draußen stecken bleibt. Warum? Weil es im Grunde genommen eine grauslich unzeitgemäße und eskapistische Platte ist — und jetzt bitte das Strichnin.

Dieser Cheeseburger — nun wäre er kaum der Rede wert, wenn er nicht für einen Augenblick – und wenn es nur der Bruchteil einer Sekunde ist – die reine, ungestreckte Erfüllung im Gewand pappiger Brötchenlaibe verspräche. Und hier sind die Temples, die vorschlagen, den kritischen Zeigefinger für einen Augenblick sinken zu lassen. Und man nimmt – nicht ohne ein reumütig über die Lippen grepresstes »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen!« – an, zu groß ist die Verlockung des Mystischen, diese hoffnungslos romantische Blauäugigkeit, die ein eigentlich längst antiquiertes Versprechen bei sich trägt: turn on, tune in, drop out. Denn das ist ›Sun Structures‹: Leary meets Schelling. Happening. Selbstverständlich. Lustwandeln entlang der doors of perception.

Seltsamerweise ist es vorwiegend britische Psychedelia, die eine derart skurrile wie erquickliche Verbindung zulässt, beinahe nahelegt. Nicht das dröge Clapton-Gegniedel, sondern die überwiegend in Vergessenheit geratenen barocken Spielarten, wie sie nur noch auf Compilations wie ›Rubble‹ oder ›Incredible Sound Show Stories‹ zu finden sind. Die Art, bei der man hinter jeder Ecke einen Monty Python-Sketch vermutet. Seltsam deshalb, weil diese kindliche Neigung zur Wiederverzauberung der Welt ein eher lokales Phänomen zu sein scheint, an dem es dem Gros ihres amerikanischen Ablegers mangelt — vielleicht fände man es noch am ehesten beim frühen Captain Beefheart. Aber genau in dieser Verspieltheit mit einem Hang zum Verschrobenen, die auch der Musik der Temples innewohnt – das rumpelige Schlagzeug, die gelegentlich eingestreute verschwurbelte Klaviermelodie, die Gesänge aus Zucker neben schnarrigen Gitarren –, liegt eine besondere Qualität, ein Eskapismus, der weniger Hinter-Sich-Lassen auf dem Weg nach Anderswo als eher Auratisieren des Alltäglichen ist. Und vielleicht tut sich im Moment des Verzauberns eine freilich noch unausgegorene und vielleicht auch reichlich naive Möglichkeit zur Kritik auf. Ein avantgardistischer Anspruch, romantisch gemünzt: Kunst als Lebenspraxis. Womöglich könnte ungläubiges Staunen ein erster vorsichtiger Schritt hin zum Gewahrwerden der Strukturen dieses unseres kapitalistischen Monstrums sein.

Ist das da hinten ein Einhorn? Und ganz unversehens ist man mitten drin im Wunderland sprechender Hasen und lebendiger Vogelscheuchen — entschuldige Theodor, nur einmal kurz an der dunklen Seite der Macht genippt.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Ed Miles
 


»Sun Structures« erscheint auf Heavenly Recordiings.

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