Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band: »Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything«

Man hat es ja geahnt: die Constellation-Riesen sind wieder erwacht und ziemlich vital. Nach Godspeed You! 2012 zieht das – wohl ewig als Ableger gebrandmarkte – Punkorchester Thee Silver Mt. Zion nun nach. Warum auch nicht? Shit’s fucked up, you know?! Nicht, dass die scheuen Kanadier irgendeinen Anlass bräuchten, um ihre Politkakophonien vom Stapel zu lassen. Alles, was gesagt werden muss, steht also am Anfang: »We live on the island called Montreal and we make a lot of noise…because we love each other!« – der Rest ist Zierde. Mit Stunk und Gezeter, versteht sich. Irgendwo zwischen Rosamunde Pilcher und Roland Emmerich – Liebe in Endzeit. Und doch ist dieser Linedance des Dissonanten mindestens etwas überraschend, denn er ist nichts weniger als ein kohärentes Glanzstück verzweifelten Agitrocks. Die wahnhafte Vision einer Bande von unerschütterlichen Weltverbesserern – eben: »Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything«. Reihen wir uns also kurz ein, und halten fest, was das will.
 

  • Fakt eins

    Falls in diesem Jahr kein anderer Song mehr als das todtraurige Monstrum ›What We Loved Was Not Enough‹ veröffentlicht wird, wäre das gar nicht schlimm. Elf Minuten himmelstürmende Ungerechtigkeit, gegossen in Moll, vorgetragen im Duktus stur wehklagender Unbedarftheit (wenngleich Herr Efrim Menuck seine Sangeskünste wirklich signifikant zu steigern weiß). Ein Brocken fragilster Krachschönheit, ausgebacken in Fatalismus: »all our children gonna die«. Herrje, ja, schon gut. Ihr habt ja Recht! Alles kulturoptimistische Kackscheiße hier.

  • Fakt zwei

    Wer vergessen hat, was Punk nach Jahrzehnten ideologischer Ausbeutung noch zu bedeuten hat, dem gebe man dieses Album an die Hand. Und jetzt alle: »There’ll be war in our cities/ and riots at the mall« – aber bitte dabei weinen und zu ›Wrecking Ball‹ masturbieren!

  • Fakt drei

    Kein Untergang ohne Endzeitparty! Die ist hiermit gesichert. Und sei es im verrottenden Glanz des Grande Ballroom. Die MC5 sind da, Capital Steez gesellt sich auch noch einmal zu uns – ein Maskenball verglühender künstlerischer Integrität; hoffnungslos romantisch, idealistisch verklärt. Doch sie tanzen zu ›Rains Thru The Roof…‹ und das ist schön. Die Kinder dürfen länger aufbleiben und Feuerwerk gucken, danach geht es mit ›Little Ones Run‹ auch für sie ins Bett: »Wake up darling the moon is gone/ The sky’s a mess and falling down«. Gute Nacht, ihr Lieben.


 
So weit die Faktenlage, man möchte auch nicht alles verraten. Zurück zum Anfang. Was das jetzt will? Nun, die Adresse ist klar: ›The Wolf Of Wall Street‹; nur nicht so bunt und Exzess-Karikaturist GatsbyBelfortDiCaprio spielt auch nicht mit. Der Feind sitzt eben weiter im gemachten Nest entfesselter Strukturen, im Tümpel der Gleichgültigkeit, in Netzwerken der Selbstbespiegelung – Thee Silver Mt Zion rütteln ein wenig an den vergoldeten Gitterstäben und schauen, was das Tier so macht. Diese Decke der Zivilisation ist auch ganz fix mal durchgescheuert, Freunde! Vertreibung, Befreiung, Erleuchtung – Fuck Off, Get Free, Pour Light. Ein bisschen alttestamentarischer Furor zum Beginn des Jahres schadet auch nicht.
 
 

Text

Henning Grabow

Fotografie

© Yannick Grandmond
 
 


›Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything‹ erscheint auf Constellation Records.

 

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