Ammar808: ››Maghreb United‹‹

Vielleicht beginnt die Zukunft, wenn im Westen die Sonne untergeht. Dann, wenn ihre letzten Strahlen die Ruinen von Karthago für einen Augenblick in goldenen Schimmer tauchen, nur um sie kurz darauf im Dunkel versinken zu lassen. Vielleicht ist diese Zukunft nicht erleuchtet, sondern vielmehr schwarz wie die Nacht, ist Dunkelheit, die alles in sich eint. Es könnte gut sein, dass eben so jener vereinte Maghreb – an dessen Wortgrund gharaba als das Untergehen der Sonne liegt – aussieht, den Sofyann Ben Yussef alias Ammar 808 mit Maghreb United im Sinn hat.

Der gewissermaßen ein Maghreb ist, der gerade nicht aussieht, denn es gibt ja nichts, das noch zu sehen wäre — von den mythologisch beladenen Sternzeichen am nächtlichen Himmel, die auch das Artwork der Platte zieren, mal abgesehen. Vielmehr müsste man behaupten, dass es eine Zukunft ist, die sich anhören lässt. Die irgendwo in den Untiefen staubiger tunisischer Gassen aus zahllosen kalkweißen Fassaden heraus ins Dunkel dringt und sich beharrlich in die Gehörgänge schiebt — eine unerhörte Zukunft die als Ohrwurm einkehrt. »The music on Maghreb United is the past with now and the future with now« heißt es im Begleittext zur Platte. Und kurz darauf: »I’m trying to weave threads from folklore and mythology into futurism.« Die Zukunft als Gewebe aus Folklore, Mythologie und Gegenwart — einer Gegenwart freilich, die mit der seit mehr oder minder vier Jahren brach liegenden Demokratisierung im Zuge des Arabischen Frühlings nur bedingt zum Leitbild einer besseren Zukunft taugt. Vielleicht kommen wir folglich nicht umhin, dieser Zukunft die Konnotation eines Sehnsuchtsorts abzusprechen und sie als eine zu erkennen, die uns bedrängt, vor deren Fanfaren wir die Ohren nicht verschließen können.

Im Bild der klanglich geknüpften Zukunft wird die häufig überstrapazierte Metapher des Klangteppichs konkret. Denn was auf Maghreb United ineinander verwoben erklingt, speist sich zum Einen aus der reichen Musikgeschichte der maghrebinischen Staaten — Ben Yussef erwähnt Einflüsse aus der algerischen Raï-Musik, dem marokkanischen Gnawa und tunisischem Targ. Zur wachsenden Popularität des letzteren hat vor allem er selbst anhand seines Bargou 08-Projekts beigetragen, dessen Debütalbum Anfang vergangenen Jahres auf dem Glitterbeat-Label erschien — ebenso wie jetzt Maghreb United. Ein Großteil der hier vertretenen Songs stammt aus jahrhundertealten Traditionslinien und ist häufig – wie beispielsweise der Gnawa – an rituelle Praktiken gebunden.

Doch da ist mehr, dieses Zukunftsgeflecht zeigt sich nicht als eine endlos fortgesponnene Vergangenheit. Vielmehr taucht es im Bruch der Linie auf, gewissermaßen immer dann, wenn sich Kett- und Schussfaden kreuzen, um ineinander zu laufen. Dann durchzieht ein Sound den anderen, bricht ihn auf und lässt sein Unerhörtes hörbar werden. Bei Bargou 08 war es der Moog-Synthesizer, dessen prägnanter Klang das traditionelle Instrumentarium auf eigenartige Weise irritierte. Auf Maghreb United ist es Rolands TR-808 Drummachine, die schon einmal eine ähnlich lichtlose Zukunft einläutete: Damals verwoben mit Kraftwerk-Sample auf Africa Bambaatas Planet Rock. »Can y’all get funky?« rappte ein ziemlich unmenschlich klingender Bambaata damals. Wenige Jahre später bezeichnete der britische Kulturtheoretiker Kodwo Eshun das inzwischen ikonische Gerät als ›futurhythmachine‹. Vielleicht passiert bei Ammar 808 also in etwa das: Dieser inhuman technoide Funk der 808 stürzt wie ein UFO mitten hinein in afrikanische Traditionen, lässt sie aufbrechen und angeknackst weiterholpern. Doch irgendetwas knüpft an. Vielleicht verstärkt der tiefe und düster wabernde Bass der Maschine etwas, das schon immer in diesen Musiken angelegt war und lässt sie zugleich entfremdet und doch seltsam vertraut klingen. Jedenfalls ist die Dringlichkeit und auch die Bedrängnis, mit der dieser Zukunftssound zu uns spricht fernab aller musikhistorischen Kenntnis deutlich spürbar. Und insofern ist dieser dunkle Maghreb eigentlich überall.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Sia Rosenberg, Glitterbeat
 

  • Hör|Spiel





 
Maghreb United erscheint auf Glitterbeat Records.

 

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