Aphex Twin: »Syro« — eine Kulturdiagnose.

Aphex Twin’s Syro war das große Rauschen im Blätterwald. Nach geschlagenen 13 Jahren wurden die Fürbitten nach der bereits vielfach verloren geglaubten – und zwischenzeitlich regelmäßig wiederentdeckten – kulturellen Relevanz der Popmusik endlich erhört. Das hier, Leute, das ist real, greifbar, fernab von Kulturprodukt; Underdog und großer Innovator zugleich, seit den 90ern schon — so raunt es Allenthalben. Nun müssen die Mäßstäbe verrückt werden, um Platz zu schaffen für »die bedeutendste elektronische Musik der letzten 25 Jahre« (Zeit online). Zugegeben, sie standen da auch schon viel zu lange unverrückt und eingestaubt auf dem Kraftwerk’schen Sockel. Doch dieser überbordende Enthusiasmus, der einem über weite Strecken des deutschsprachigen Musikjournalismus entgegenschlägt, er scheint symptomatisch für einen kriselnden Pop.

Im Musikexpress gibt man sich derweil bescheiden, restauriert die angegraute Patina eines ›Mozart der elektronischen Musik‹ (seinerzeit Melody Maker), um sie zur zeitgemäßeren Coolness eines Miles Davis aufzupolieren. Klar, who the fuck is Mozart? Wieder einer dieser albernen Westcoast-Rapper. Was mit der Verschiebung weg vom Klassikopa hin zum konsensfähigen (laut ME das Kriterium, das die Reformulierung notwendig macht), slicken Jazzer einhergeht, ist jedoch gleichsam Ausdruck einer Verschiebung popkultureller Wertzuschreibung: während Ersterer, mehr oder minder verkappt, die romantische Idee des Genies entleiht – gewissermaßen die kompositorische Ausgereiftheit eines Aphex Twin-Tracks adelt –, ist es im Sinne des ME die schillernde Oberfläche des Cool, die letzteren zum locus communis popkulturellen Understatements macht. Eine Bewegung also, die sich weg vom Material hin zu dessen Inszenierung vollzieht. Mehr noch: subkutan schwingt eine Sehnsucht des Pop(-journalismus) nach eben jenen Gemeinplätzen mit, nach Orten, an denen die Qual der stetigen Rückversicherung des Selbst Linderung erfährt — wozu, wenn nicht für eben solche Syro-Momente, führen wir dieses Kulturprekärendasein? Mister James, legitimieren Sie uns. So besehen ist es nur konsequent, Platten wie diese, angefüllt mit dem Brennstoff der Lobhudelei in die Stratosphäre zu schießen, um sie dort eine Weile glimmen zu sehen und sich bisweilen in ihrem Licht zu sonnen. Hier der metamoderne Twist: die Selbstkritik ist mitgedacht. Denn es ist ein geharnischtes Lobhudeln, gepanzert in Ironie, das sich immer die Hintertür des ›natürlich ist das übertrieben‹ offen hält.

Siehe Spex No 356: Das (Rocco-Clein-Preis gekürte) Cover ziert die Replika einer Guy Fawkes-Maske mit James’ typischem Grinsen. Nun muss an dieser Stelle fairerweise erwähnt werden, dass Syro durchaus ein Hauch potentiell kulturindustrieller Revolte umweht: neben den kryptischen Tracktiteln zeigt das CD-Cover eine Auflistung der angefallenen Kosten, deren – mit einigem Abstand – größter Posten für den Vertrieb ausgewiesen ist. Auch verweist die Albumankündigung via Darknet auf einen Raum abseits rechtsstaatlicher Kontrollmechanismen. Gleichwohl macht ein Hauch noch keinen Sturm. Was fehlt, um mehr zu sein als ausgefuchster Marketingcoup, ist die praktische Verlängerung dieser symbolischen Verweigerungsgesten — gewissermaßen die Lunte zum Fawkes’schen Pulverfass. Beziehungsweise ist genau das die Frage: fehlt sie denn oder ist ihre proklamierte Existenz nicht viel mehr Produkt des eigenen Wunschdenkens; der postpolitischen Notwendigkeit, alles zum Politikum zu erklären, auch wenn dabei zwanghaft gegen den Strich gebürstet werden muss? Wozu diese pathetisch messianische Inszenierung des großen Pop-Erlösers? In vielen Facetten ihrer Überzeichnung scheint sie vielmehr in die Gegenrichtung zu verweisen: auf die legitimatorische Ohnmacht eines Metiers in der Krise.

Darunter leidet vor allem eines: die Musik. Und die ist natürlich fulminant gut. Höchste Eisenbahn, diese Voyager-Platte voller drögem Stravinsky- und Chuck Berry-Geklimper fernzuzerstören, um ›Syro‹ den angestammten Platz zuzuweisen. Was, zusammen mit einigen dieser charmant verstörenden Chris Cunningham-Videos, durchaus von einigem Humor gegenüber extraterrestrischen Lebensformen zeugen würde. Gänzlich grundlos ist die Euphorie natürlich nicht. Syro ist ein wirklich schönes Album: ein wild pluckerndes Synthesizerarsenal, was beständig aus den eigenen Rahmungen hinaus und hinein ins Knarzige fließt, fiebrige Beats, die mit hochrotem Kopf dazwischenstolpern und hoch oben, über dieser Anarchie der Klangmoleküle, thronen seelenruhige Ambientflächen. Und irgendwie vermittelt all das diesen etwas kitschig verklärten Space Invaders-Charme. Aber ob es nun die wichtigste elektronische Musik des vergangenen viertel Jahrhunderts ist? Keinen blassen Schimmer. Überhaupt: gemessen woran?
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Warp Records
 

Syro erscheint auf Warp Records.

 

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