DŸSE: »Das Nation«

Nehmen Sie Dada ernst! Es lohnt sich.
 
— George Grosz

 
DŸSE are back – „Hott Schitt in Taun!“. Nach drei Alben unter dem Banner von Exile on Mainstream feiern Jarii van Gohl und Andrej Dietrich mit „Das Nation“ nun die Premiere für ihr neues musikalisches Refugium bei Cargo Records. Und was ist das schön geworden! Man nagele mich bitte nicht darauf fest, aber ich glaube, es war Bazon Brock, der einst im Kontext von Wiedergeburtsideologien vom Triumph der Fliege über die Scheiße sprach. Und, ohne despektierlich klingen zu wollen, passt der Satz auch ganz hübsch auf DŸSE-Songs: Mit so herrlich onomatopoetischen Titeln wie „Waldbart“, „Reudikamm“ oder „Nackenoeffner“, beweisen sie einmal mehr, dass Deutsche Sprache = harte Sprache und eigentlich auch egale Sprache. Derart behaglich entsinnt lebt es sich eben nur in „Das Nation“, dem etwas anderen Identitäts(de)konstrukt.

Dessen ungeachtet, ist es immer noch eine Sache für sich, dieses groovende, klingelnde und jaulende Ding auch musikalisch adäquat zu schubladisieren. Aber ob man für „Das Nation“ jetzt wieder die alten HELMET-Vergleiche aus dem – Gähn! – Hut zaubert, oder den Herren endlich das von ihnen angestrebte Genre des New Wave of German Noiserock zuerkennt, geht insgesamt mittlerweile sowieso am Ethos dieser Band vorbei: „Das Nation“ ist einfach so was von heartfelt DIY, dass es einem ganz angenehm unintellektuell zu Mute wird. Den ganzen Schabernack mal beiseite gelassen, sind DŸSE eben doch ganz schön ernsthaft bei der Sache – und ganz im Sinne der in „Die Ai Wei“ aufgestellten Tocotronic-Replik „Mach es dir selbst!“ ist der doppelte Boden, auf dem man sich hier bewegt, zwar brüchig, dafür aber höchstselbst gezimmert.

Und so ist „Das Nation“ erneut ein musikalisches Hakenschlagen im weiten Feld des alternativen Rockentwurfs – da kommt keiner der trägen Major-Jagdhunde hinterher, was das Ganze eigentlich noch spaßiger macht. Das hingerumpelte „Out Of Tune“ muss man erstmal ohne Grinsen hinter sich bringen, bevor „Spinne“, „Hans“ und „Dysenation“ einen deftig zurück ins Hier und Jetzt backpfeifen. Als eingespieltes Team wissen die DŸSEn dabei mittlerweile ganz genau, wo der Bruch sitzen muss, das dynamische Verwirrspiel ausgesetzt und eingeführt werden darf oder ein gut gesetzter Slogan das nötige Live-Moment auf Platte transzendiert. Was Jazz für Helge Schneider, ist Noiserock für DŸSE: Das Handwerk, aus dem heraus sie ihre dadaistischen Exkurse entwickeln. Durchaus kalkuliert zwar, aber immer den Anschein des Spontanen wahrend; dabei ganz bei sich und im Moment und deshalb niemals ausrechenbar. Ganz ehrlich? This shit’s unique!
 
 

Text

Henning Grabow

Fotografie

© Torsten Selin; Cargo Records
 

›Das Nation‹ erscheint auf Cargo Records.

 

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