Kreidler: »ABC«

Auditory space has no point of favored focus. It’s a sphere without fixed boundaries, space made by the thing itself, not space containing the thing. It’s not pictorial space, boxed in, but dynamic, always in flux, creating its own dimensions moment by moment.
 
— Herbert Marshall McLuhan

 
Seit geschlagenen 20 Jahren und 12 Alben gibt es diese Band. Und – so viel Vorschusslorbeeren seien gestattet – man hätte dieses Jubiläum kaum schöner besiegeln können, als mit ›ABC‹ geschehen. Martin Büsser beschrieb sie einst, in den Nachwehen von ›Eve Future Recall‹, das 2004 als Produkt einer Südostasien-Reise entstand, als »Steve Reich fürs Kinderzimmer«. Damit brachte er auf den Punkt, was sämtliche Krautrock-Revival-Referenzen unter den Tisch kehrten: bei aller Nähe zur Motorik und aller Patternhaftigkeit blieb ein – man kann es getrost so nennen – konstruktivistisches Moment häufig unterbelichtet. Als vor zwei Jahren ›Den‹ erschien, rückte es in der Zusammenarbeit mit Heinz Emigholz, der dem Album eine Serie von Kurzfilmen zur Seite stellte, deutlicher in den Vordergrund: vieles dreht sich um Räume. Vor allem um deren Metamorphosen, um Wandlungsprozesse, Eingriffe in Raumstrukturen und ein durchaus bildnerisches Interesse an den Effekten selbiger.

Tatsächlich müsste man ›ABC‹ als Teil eines Triptychons, einer dreiteiligen Serie betrachten, um der Platte gerecht zu werden. Thea Djordjaze, die das Coverartwork zu ›ABC‹ entwarf, ist georgischstämmige Künstlerin, die es in den 90er Jahren zu Zeiten des Bürgerkriegs per Umweg über die Niederlande nach Düsseldorf und schließlich weiter nach Berlin verschlug. Einige ihrer Installationen waren auf der letzten Documenta zu sehen. Sie ziehen Räume in Räume und lassen dabei neue Beziehungsgefüge zwischen Innen und Außen, Vorder- und Hintergrund, Natürlichem und Artifiziellen entstehen. In der Strenge ihrer Formgebung erinnern sie an russische Konstruktivisten wie El Lissitsky; nebenbei bemerkt eine Schnittmenge, die Kreidler viel näher an Kraftwerk rückt (siehe das Cover zu ›Die Mensch-Maschine‹), als rein klangliche und Stadt-genealogische Parallelen.

Heinz Emigholz steuerte mit ›2+2=22 [The Alphabet]‹ auch diesmal einen Kurzfilm bei. Er beginnt mit auf Deckenkonturen reduzierten Raumaufnahmen – im Bildaufbau ähneln sie Djordjazes Coverentwurf – des Kartuli Pilmis Studia in Tiflis, dessen weitläufige Hallen ›ABC‹ als Entstehungsort dienten. Dann die recht starre Aufnahme einer Studio-Session, dann Sprung in den öffentlichen Raum — der Kontrast eines bröckelnden Tiflis vor hypermoderner Glasarchitektur, die wie ein abgestürztes UFO aus dem Stadtbild ragt und den Blick magnetisch anzieht. Dann Fotografien, Tagebuchkollagen, zu denen eine Stimme in monotonem Kolorit einige Lokalnamen aufzählt. So entsteht im Medium des Films ein eigenständiger Raum, der sich zwischen den verschiedenen Medienformen (Klang, Fotografie, bewegtes Bild) aufspannt. Lev Manovich nannte das in seiner Studie zu den Möglichkeiten des digitalen Films stylistic montage.

Und dann sind da noch Kreidler. ›ABC‹ ist deshalb so spannend, weil es diese Raumentwürfe nicht lediglich ins Klangliche über-setzt, sondern viel eher deren Begrenzungen zer-setzt, verflüssigt — sie vom Primat des Visuellen befreit und – mit Marshall McLuhan – einen auditory space schafft! Also einen Raum, dem kein Fixpunkt mehr eignet, der nirgendwo anfängt, nirgendwo aufhört und auch keinerlei feste Form besitzt. Er ist immer Provisorium, das sich mit jedem Klangereignis, sei das brüchige Synthesizermelodie oder krachender Snare-Schlag, neu ausformt, um kurz darauf wieder zu zerfallen. Insofern ließe sich – in Ansätzen – vielleicht von auditivem Konstruktivismus und einer Nähe zur Minimal Music sprechen. Und obwohl man eher das Gegenteil vermuten würde, diese Metamorphosen sind – und das ist das bemerkenswerte am Kreidler’schen Klanguniversum – in ihrem vertrackten Zusammenspiel äußerst eingängig. Eben Steve Reich fürs Kinderzimmer – und ich möchte ergänzen: Tanzflur.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© David Meskhi
 


›ABC‹ erscheint auf Bureau B.

 

Show Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.