Lufth: »Distanz und Nähe«

Der Knacks ist weder äußerlich noch innerlich, er ereignet sich an der Grenze, unmerklich, unkörperlich, ideell. Deshalb unterhält er mit dem, was drinnen oder draußen geschieht, vielfältige Beziehungen, die sich überlagern und überschneiden, und die er sprunghaft miteinander verbindet.
 
— Gilles Deleuze

 
Eigentlich hätte diesem Text auch das berühmte F. Scott Fitzgerald-Zitat vorangehen können, auf das sich Deleuze hier bezieht: »Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs.« Nur gibt es da ein Problem: das tragische Gewicht und der an der Oberfläche schimmernde Pathosüberhang verstellen den Blick auf ein viel produktiveres Moment, das ihm innewohnt: eine Art Schönheit des kompostierten Lebens. Die Bewegung der Einheit hin zum Molekularen; von der materiellen Sediertheit hin zur sprunghaften Vernetztheit des Partikels.

Eine ganz ähnliche Bewegung scheint es zu sein, die Joerg Schuster unter seinem neuen Lufth-Alias (der Dritte, neben Inkarnationen als Digitalverein und Sensual Physics) mit ›Distanz und Nähe‹ vollzieht. Man könnte ihr sogar Richtungen zuweisen oder besser noch Bewegungstendenzen, die eine Ebene aufspannen: abwärts und nach Außen. Es sind ruckhafte Bewegungen, Umformungen entlang kurzer Augenblicke, in denen sich Klangcluster bilden und verdichten, um in der nächsten Sekunde zu implodieren und abzustürzen. In etwa so, als würde man da einen recht elaborierten Soundtrack zu Tetris hören. Umso schöner, da Schuster es auf paradoxe Weise schafft, dieser Hektik des Zerfalls eine abgeklärte Gelassenheit innewohnen zu lassen. Vielleicht rührt sie von einer undurchschaubaren Komplexität her (man vermag kein Muster hinter den entstehenden Klangmolekülen zu entdecken), die den Eindruck von Natürlichkeit (im besten Sinne: dem des Komposthaufens) entstehen lässt, also die Impression, dass eben diese Bewegung die einzig richtige wäre. Gleichzeitig ist da eine Art Diffusionsdrang von Intentionalität hin zur Zufälligkeit. Von gelegentlich aufblitzenden Gitarrenmelodien, die entlang von Subjektgefällen durch die Muskelstränge bis in den kleinen Finger blicken lassen, hin zum scheinbar willkürlich auftauchenden Knacks, der ganz zweckfrei daneben steht und nicht mitspielen will. Der aber doch fehlen würde, stünde er nicht just an dieser Stelle. Er arbeitet der Melodie entgegen, zerfasert Finger und Muskeln, lässt sie in alle Richtungen hin abknicken wie ein welkender Blumenstrauß.

Und mitten im Tohuwabohu von Entstehen und Vergehen gibt es vereinzelte Regionen erhöhter Gravitation, Impulse der Kickdrum, die dieser ganzen Anarchie der Töne für einige Augenblicke die gleichen Schwingungsmuster einhämmern und ihr partikuläres Dasein zu einem Körper verdichten — die Körperwelten des Joerg Schuster.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Oktaf
 


›Distanz und Nähe‹ erscheint auf Oktaf / Kompakt.

 

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