Martin Burckhardt: »Digitale Renaissance. Manifest für eine neue Welt.«

Krankheiten zu diagnostizieren fällt dieser Tage nicht schwer — vor allem wenn sie kultureller Natur sind, känkelt unsere Lebenswelt doch allenthalben. Außenpolitisch im nahen Osten, innenpolitisch an der Friedensbewegung vor der eigenen Haustür. Kränkelt sozialpolitisch an einer immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich, deren Rechtfertigung jedweder Zweckrationalität entbehrt; aus deren aufgeworfener Kluft unverhohlen überkommen geglaubte Narrative der Ab- und schlimmer noch Ausgrenzung aufsteigen, um sich in zahl- und kopflosen Querfronten Bahn zu brechen. Kränkelt seit 1999 an bildungspolitischer Zerrüttung, seit 2008 an kapitalem Realitätsverlust, seit 2013 an kollektiver Paranoia. Kurzum: der Begriff der Krise hat sich zum epochalen Grundrauschen aufgeschwungen, um mithin die Alltagswahrnehmung zu modulieren.

Was aber, wenn wir Krankheit und Symptom verwechseln? Diese These vertritt Martin Burckhardt in Digitale Renaissance und diagnostiziert einen im gesellschaftlichen Unterbewusstsein ablaufenden Wandlungsprozess, der in seinen Ausmaßen dem Bruch zwischen Mittelalter und Renaissance gleichkommt — wenngleich die Metapher des Bruchs den (nicht intendierten) Eindruck historischer Diskontinuität nahelegt. Viele Grundzüge der anfangs genannten Problematiken wurden in etwa zu jenem Zeitpunkt virulent, den man gemeinhin mit der Postmoderne assoziiert: Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre (1979 erschien Jean-François Lyotards Das postmoderne Wissen); gleichwohl reichen ihre historischen Infrastrukturen deutlich weiter zurück, nämlich, folgen wir Burckhardts Argumentation, bis ins 18. Jahrhundert. Obiger Zeitpunkt gilt jedoch als Geburtsstunde eines neuen Denkens, das den großen Erzählungen der Moderne – Aufklärung, Idealismus, Historismus – eine Absage erteilte und damit jene ersten Irritationen provozierte, die sich inzwischen zum ausgewachsenen Geschwür gemausert haben. Universale Wahrheitsansprüche wie sie Religion oder Moral postulierten, brechen zugunsten einer situativen Wahrheit. Der Lebensentwurf löst sich aus der Verankerung historischer Stringenz — der in Lebensabschnitten oder vielmehr -rastern denkende Kreative mausert sich zum Leitbild einer jungen Generation; mit ihm erwacht ein neues ›Prekariat‹ und gleichsam neue Kulturtechniken: Sampling, Ekletizismus und das Mixging von Codes. Das Individuum wird zum ›Dividuum‹, wie Burckhardt es nennt — »Ich ist ein Anderer«.

Eine prägende Rolle im Diskurs spielt – und damit bewegen wir uns in Richtung der zentralen Argumentationslinie des Buches – die Digitalisierung. Dabei ist es die binäre Logik – weniger in der Artikulation des Codes, als eher in der Form zweier Zustände –, die vor allem Systeme der Simulation ermöglicht. Der Computer als Möglichkeitsraum, eher Werkstatt als Werkzeug. Burckhardt beschreibt ihn als ›universelle Maschine‹ und findet im Räderwerkautomaten des Mittelalters eine treffende Analogie, die, an keine Zweckhaftigkeit gebunden, ein vielseitig einsetzbares Instrumentarium generiert. Mehr noch: wie der Räderwerkautomat in der Ausformung der Uhr die Rationalisierung der Zeit, also die Grundlage kapitalistischer Verwertungslogik, befeuerte, um mithin das Denkgerüst einer Epoche zu prägen, ist es nun die digitale Logik der Simulation, die weitreichende Folgen mit sich bringt. Nicht nur in marktökonomischer Hinsicht mit der Transformation der Wertzuschreibung vom geprägten Geld, zu dem immmer das Gold als Eichmaß gehörte, hin zum schwankenden Wechselkurs, sondern gleichsam in Bereichen der Politik, Kunst, Bildung, Identitätsstiftung und Fragen der Moral (siehe die ›Netiquette‹) spielen digitale Funktionslogiken eine immer wichtigere Rolle. Sie prägen, so die These, bereits die Rahmenbedingungen unseres Denkens. Als Widerpart dieser Omnipräsenz des Digitalen diagnostiziert Burckhardt ein zwanghaftes Festhalten an modernen Paradigmen wie dem souveränen Nationalstaat samt völkischer Ideologie oder einem überkommenen Arbeits-, Bildungs- und Wissensbegriff. Sie gilt es aufzubrechen. Erst dann lassen sich Wege zu einem neuen, zeitgemäßen Weltverständnis und mit ihm neuen kulturellen Praktiken denken, die nicht mehr systemimmanente Ungerechtigkeiten des Kapitalismus und deren Effekte reproduzieren.

Digitale Renaissance zeichnet – ohne realitätsblinden Technopositivismus – Wege zu einer digital grundierten Utopie vor und liefert gleichzeitig die historische Retrospektive. Mithin bietet es einen, ob seiner essayistischen Form wunderbar lesbaren und nicht minder enthusiastischen Einstieg in gegenwärtig wieder aufgeflammte Debatten in den Geisteswissenschaften.
 
 

Text

Robert Henschel

Cover

© Metrolit
 

  • Anschlüsse


    Arvanessian, Armen; Berardi, Franco; Land, Nick et al (2013): #Akzeleration. Berlin: Merve.

    Baudrillard, Jean (1978): Agonie des Realen. Berlin: Merve.

    Benjamin, Walter (2002 [1939]): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Detlev Schröter (Hrsg.): Walter Benjamin: Medienästhetische Schriften. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

    Brassier, Ray; Land, Nick; Negri, Toni et al (Hrsg.)(2014): #Akzeleration#2. Berlin: Merve.

    Deleuze, Gilles (2010 [1990]): Postscriptum über die Kontrollgesellschaften. In: Christoph Menke / Juliane Rebentisch: Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus. Berlin: Kadmos.

    Lyotard, Jean-François (1979): Das postmoderne Wissen. Wien: Passagen Verlag.

    McLuhan, Marshall (1994 [1964]): Die magischen Kanäle – Understanding Media. Dresden/Basel: Verlag der Kunst.


 

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