Patten: »Estoile Naiant«

Einen Ort zum ersten Mal besuchen, heißt dann: beginnen, ihn zu schreiben: da die Adresse ungeschrieben ist, muß sie sich eine eigene Schrift schaffen.
 
— Roland Barthes

 
Bei ›Estoile Naiant‹ von Musik zu reden entspräche nur der halben Wahrheit. Gewiss, es ginge, man könnte mit illustren Begriffen wie Klangcluster, Ambient(e), Soundscapes oder Break-Dies und Break-Das um sich schmeißen. Und würde dabei doch nur an der Oberfläche kratzen. Einer Oberfläche, die es eigentlich gar nicht gibt.

Denn vielmehr evoziert das, was da in einer guten dreiviertel Stunde an der Wahrnehmung vorbeidriftet, Bilder, die an eine dieser Metropolen-Dokumentationen auf Arte erinnern: Verkehrsgetümmel, das im Zeitraffer zu romantisch verklärten Lichtschlieren gerinnt — Nährlösung in den Lebensadern der Stadt; Infrastrukturen des Alltags, die sein Funktionieren gewährleisten, um selbst nur in Momenten der Fehlfunktion ins Blickfeld zu geraten und auch dann eher befremdlich und hineingeworfen zu wirken. Worum es dieser Musik zu gehen scheint ist eine Verlagerung weg von künstlerischer Abgeschlossenheit hin zum tektonischen Ausformungsprozess der Klangmuster. Wechseln wir also das Vokabular: weniger Musik, mehr Stadtplanung; weniger Sein, mehr Werden; weniger Rahmen, mehr Chaos; Netz statt Leine; Pilz statt Baum. Mit Patten durch die Substrata des Pop cruisen: mal mit runtergelassenem Fenster die langsam vorbeiziehenden Baugerüste der Beats begutachten, mal auf halsbrecherischem, bisschen Bleifuß-doofen Vin Diesel-Trip durch die Gassen bollern und alles unscharf werden lassen. Denn darum geht es: kartographieren — Pläne von Abzweigungen und Geschwindigkeiten machen. Nur gelegentlich – wenn Vin tanken muss, aussteigt, sich bärenhaft auf die Brust trommelt und einen Schluck Kerosin trinkt – blitzen scheinbar strukturierte Augenblicke durch, in ihrer Unfertigkeit herausgebrochene Samplefragmente, die – sobald sich der Tankdeckel schließt – wieder im Mahlstrom des Entstehens versinken.

Und ›Estoile Naiant‹ verlangt nach einer weiteren Verschiebung: weniger Hörer, mehr User. Dieser urbane Informationsraum kann in seiner binären Form nicht erfahren, sondern muss entlang seiner klanglichen Fluchtlinien erkundet werden. Er ist gänzlich unstrukturiert, verlangt nach Hausnummern, Klingelschildern und trotzigen Rentnern, die Vins unterbodenbeleuchteter Höllenmaschine todesmutig mit dem Rollator entgegentreten. Erst im hörenden Konstruieren gewinnt er an ästhetischer Qualität. Was durchaus nicht unproblematisch ist, denn die Richtlinien nach denen Gebaut werden kann existieren ebenfalls nicht. Ob Shanghai, Hintertupfingen oder Marskolonie: whatever works! Das gleichermaßen Bemerkenswerte wie Irritierende dieses Albums ist: es suggeriert nichts, will nichts, ist einfach nur da — so unfertig wie ziellos und verlangt nach Veredelung. Und jetzt: postmoderner Break.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Rough Trade
 


›Estoile Naiant‹ erscheint auf Warp Records.

 

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