Pontiak: »Innocence«

Es löst eine gewisse Traurigkeit aus, Pontiaks ›Innocence‹ zu hören, denn an sich ist es ein wirklich gutes Album. Viel Wut, Schweiß und Hautabschürfungen scheinen in seine Produktion geflossen zu sein. Für Ron Asheton – Gott habe ihn selig – wäre es wie eine Libido-Injektion direkt in den Penis. Alles schreit nach ›Raw Power‹: zerquetschte Gitarren, die eher nach Strom denn Instrument zu klingen scheinen, zerfleddertes Schlagwerk, das just im Moment des Zerschmettertwerdens eingefangen wurde, dazwischen ein wenig mit Lüsternheit legierte Lagerfeuerromantik, ein Hauch Erbrochenes, im Schlagschatten eines Dixieklos hat ein anonymes Pärchen Sex — wunderbar. Wie in den 70ern. Und konzise as fuck ausgeführt.

Nur liegt nicht genau hier ein Problem? Was Anfangen mit diesem Gestus anno 2014? Worauf zielt er ab? Er scheint ins Leere zu laufen. Beinahe notgedrungen stellt man sich die Frage, ob die Iggy-Pop-Rolemodels dieser Ära heute noch zur Gallionsfigur der Revolution taugen? Fast schmerzt es, das niederzuschreiben. Einerseits ob der sichtlichen Angeschlagenheit des Revolutionsbegriffs und andererseits ist die Antwort so klar, dass es – genau genommen – nicht einmal der Frage danach bedürfte: nein. Punkt. Aber per se ist das auch ganz in Ordnung. Andere Zeitgeistkonstellationen, deren krampfhafte Aktualisierungen selten zu mehr führen als beschämtem Zur-Seite-Blicken. Lederhosen-Sexappeal, phallische Gitarrengebärden, ausgestellte Selbstzerstörung, irgendwo auf dem Weg scheinen derlei ikonische Gesten ihre Funktionalität verloren zu haben — zu Recht. Wenn Ozzy Osbourne einer Fledermaus den Kopf abbeißt – inszeniert oder schlimmer noch: wahrhaftig – liegt die zeitgemäße Reaktion darauf nicht eher in der Frage, wer wischt das nachher auf? Oder: sind die nicht eigentlich vom Aussterben bedroht? Hätte er nicht lieber eine Taube…undsoweiter.

Die Notwendigkeit des Fragens nach derartigen Befindlichkeiten keimt in einer seltsamen Unterhöltheit der Platte, die die Musik zu einer Art Effekt des Körperlosen werden lässt — gewissermaßen the sound of Subjektmangel. So als wäre die Band im Laufe der Aufnahmen wie in einem Nullsummenspiel vollkommen in der Musik aufgegangen und hätte lediglich ein paar fleischliche Hülsen zurückgelassen, deren Zweck – außerhalb zombiesker Bühnendekoration – nicht mehr erkennbar ist. Und das ist traurig. Aber in gewissen Maße ist es eine notwendige Traurigkeit, weil sie extrinsisch bedingt nicht in der Musik selbst, sondern in ihrem Verhältnis zur Zeit fußt. Anderes Spielfeld. Vielleicht resümieren wir an dieser Stelle versöhnlich: wirklich schönes Album, aber es hat seinen Zenit um vierzig Jahre überschritten.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Thrill Jockey
 


»Innocence« erscheint auf Thrill Jockey Records.

 

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