Tycho: »Awake«

Es sind die Kapriolen der Referenzhölle. Mitunter motivieren sie den Sinnesapparat ganz unverhofft zu recht wunderlichen Synästhesien. Urplötzlich ist da dieses Heureka!-Moment. Universelle Verknüpftheit und so. Bis man merkt, dass alles an dieser einen unwirklichen Szene aus einem Stanley Kubrick-Film hängt. Überhaupt: irgendwie an den Haaren herbeigezogen, das alles. Kann man keine Rezension draus machen.

Einen Schritt zurück. Gerade noch Informationen zum neuen Tycho-Album recherchiert. Auf Bilder dieses Mondkraters gestoßen, der den selben Namen trägt. An dessen Strahlensystem, das sich wie Adern entlang der Mondoberfläche verzweigt, ist Apollo 17 gelandet. Irre. Tom Hanks. Und wie schön er aussieht, dieser Abdruck eines Kometenstempels — wohlproportioniert, ein bisschen wie eine Brustwarze, da auf dem Mond. Und er scheint eine eigenartige Faszination als Schauplatz für Science Fiktion-Epen auszuüben. Star Trek, Mondbasis Alpha 1, Captain Future — alles in Tycho. Sogar Paris passt hinein, wie Enki Bilal in Tycho Moon bewies. Und – Heureka! – der Monolith aus Stanley Kubricks 2001:Odyssee im Weltraum stand auch dort. Diese wunderbare Szene, in der Dr. Heywood Floyd samt des Forscherteams von der Mondstation gen Tycho aufbricht, um – Momente bevor ihm die aufgehende Sonne dieses ohrenbetäubende Funksignal entlockt – fasziniert von der formvollendeten Perfektion des Steines andächtig mit der flachen Hand über dessen Oberfläche zu streichen. Und ganz unvermittelt drängt sich die Musik aus ›Awake‹ in diese Szenerie. Ver-rückt. Irgendwie klingt sie, wie dieser Monolith aussieht.

Ihr wohnt so eine Außerweltlichkeit inne, eine seltsame Enthobenheit, die dazu führt, sie immer im Bewusstsein einer Distanz zu hören, die – gewissermaßen im Rhythmus der Kickdrum – mal größer, mal kleiner wird, aber immer einen Spalt breit vor der ausgestreckten Hand verbleibt. Dieses technoide Schlagzeug, es thront da im Epizentrum und scheint alles gleichsam strahlenförmig nach Außen zu treiben, während es sich selbst eher entlang einer Tiefenachse bewegt; mit stoischer Ruhe hin und her pendelt. Wie Sonneneruptionen schießen glockenklare Gitarrenmelodien aus ihm hervor und verlieren sich im Nirgendwo. Ihnen haftet diese monolithische Glätte an, eine fundamentale Ungreifbarkeit, die augenzwinkernd dazu einlädt, dennoch den Versuch zu wagen. Ein unwirkliches Funkeln, das so makellos daherkommt, dass man beständig versucht ist, sich die Augen zu reiben. Und so zuckerwattig-melodisch alles, am Liebsten würde man es sich in einem Akt interstellaren Kannibalismus’ einverleiben. Wonach es Freud bestimmt gedürstet hätte: Kannibalismus und dann auch noch das Phallische dieses Monolithen. Lieber keine Rezension daraus machen. Ließe zu tief blicken.
 
 

Text

Robert Henschel

Fotografie

© Reuben Wu
 


›Awake‹ erscheint auf Ghostly International.

 

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