Von Vögeln und Käfigen: Ein Interview mit Madeiradig-Veranstalter Michael Rosen

Eigentlich ist Michael Rosen in Berlin zuhause. Seit 2008 betreibt er die Agentur Digital in Berlin, mit der er im Laufe des Jahres Veranstaltungen mit Musikern und Künstlern zwischen Popkultur und Avantgarde plant, die nicht nur in der Hauptstadt selbst, sondern in ganz Europa stattfinden. Anfang Dezember zieht es ihn jedoch zusammen mit etwa 200 Gästen auf die portugiesische Urlaubsinsel Madeira. Dort richtet er mit der APCA Madeira (Agência de Promoção da Cultura Atlântica) das jährlich stattfindende MADEIRADiG aus, ein Festival für Menschen, die eigentlich keine Festivals mögen. Außergewöhnliche Musik und Klangkunst treffen hier auf die abenteuerliche und gleichsam intime Atmosphäre der Blumeninsel inmitten des Atlantischen Ozeans. Das Programm ist klein, auf musikalischer Ebene radikal und bedient keine Schubladen — »Das einzige Kriterium ist die Qualität, der Anspruch und eine gewisse Progressivität.«
 
 
DIE AUFHEBUNG: Seit wann gibt es Digital in Berlin und welche Idee steckt dahinter?

MICHAEL ROSEN: Seit 2008 präsentiert, kuratiert und entwickelt Digital in Berlin als unabhängige Kulturagentur Konzerte und Festivalformate in Berlin und Europa. Genre und Szene-übergreifend verstehen wir Musik als universale Sprache und sind in der vielschichtigen Berliner Musik- und Kulturlandschaft als Promoter, Veranstalter und Wegweiser eine Plattform für sämtliche Bereiche anspruchsvoller Musik zwischen Popkultur und Avantgarde. Die Idee ist aus einer Notwendigkeit heraus entstanden, weil es sowas einfach noch nicht gab.

DA: Wie lange lebst du schon in Berlin und was siehst du als charakteristisch für die elektronisch/digital geprägte Kulturszene dort?

MR: Ich glaube seit 2004. Charakteristisch für die elektronische/digitale Kultur sehe ich die Stadt selbst. Es leben sehr viele junge Musik- und Kunstinteressierte Menschen hier und ohne die Gäbe es die Szene nicht.

DA: 

Braucht es ein Umfeld wie Berlin für das Konzept deiner Agentur?

MR: Ja!

DA: 
Ist es die Gegensätzlichkeit zur Großstadt, die Madeira zu einem attraktiven Festivalort macht?

MR: Nein. Nicht nur, da spielen noch mehr Dinge eine Rolle. Das Festivalformat, die Insel, die Temperaturen, die Hotels, der kleine, verschlafene Küstenort, die limitierte Anzahl der Gäste und vieles mehr.

DA: 
Was für ein Publikum wird man auf dem MADEIRADiG antreffen?

MR: Das für mich interessanteste Publikum das man überhaupt auf einen Festival antreffen kann. Obwohl wir ja kein Festival sind… Offene, neugierige und kreative Menschen aus der ganzen Welt, die Qualität und Anspruch von Mainstream unterscheiden können.

DA: Warum kommen die Besucher zum Festival?

MR: Weil es das schönste ›Festival‹ der Welt ist und ich im Vorfeld viel Überzeugungsarbeit leiste. Wenn ich jemand wirklich dabei haben möchte, weil ich denke, dass er dort gut hin passt, investiere ich genau so viel Zeit wie für einen Künstler auf der Hauptbühne.

DA: Braucht Kunst eine bestimmte Rahmung, um als solche wahrgenommen zu werden? Und gibt dieses Festival eine Rahmung vor?

MR: Nein, Kunst braucht keine Rahmung. Wie oben schon beschrieben: Schubladen und Kriterien schränken ein, machen unfrei. Oder in den Worten von John Cage: »Ich bin für die Vögel, nicht für die Käfige«.

DA: 

Was macht den Gegensatz von Natur und Digitalität so besonders?

MR: Für mich sind das zwei essentielle Dinge in meinem Leben, die zusammengehören. Ich kann aber hier nur für mich sprechen weil die Natur ja jeder anders wahrnimmt.

DA: 
Braucht es die Natur der Insel, um sich achtsam auf die Musik einlassen zu können?

MR: Ja. Aber auch das gesamte Setup — der Ablauf ist wichtig. Alles ist sehr entspannt und ungezwungen, die Gäste haben viel Zeit und Raum den Tag zu genießen und freuen sich dann umso mehr auf die ›nur‹ zwei Konzerte am Abend.

DA: 

Woran liegt es, dass du dich auf Madeira als Veranstalter sowohl mit der Musik als auch mit den Festivalbesuchern intensiv beschäftigen kannst?

MR: Weil ich viel Energie habe, neugierig bin, wenig schlafe und nichts verpassen möchte. Viele Gäste und Freunde sehe ich nur dort und mir ist dann jede Minute wichtig.

DA: 
Kannst du das Festival auch als Teilnehmer genießen?

MR: 
Ja. Sehr sogar! Sonst würde ich es auch nicht machen. Es sind die schönsten, intensivsten und damit auch anstrengendsten zwei Wochen des Jahres für mich.
 
 

Interview

Lisa Riepe, Henrike Schröder

Titelbild

© Digital In Berlin / Bandcamp
 

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