© Robert Henschel / Die Aufhebung

SO FAR…FROM NOW ON…#03

Das konvivialistische Manifest hat jüngst zwei gesellschaftliche Fehlentwicklungen diagnostiziert: »[D]en Primat des utilitaristischen, also eigennutzorientierten Denkens und Handelns und die Verabsolutierung des Glaubens an die selig machende Wirkung wirtschaftlichen Wachstums.« (Les Convivialistes 2014: 9) Über Glauben, Wirtschaft und Popkultur wird in letzter Zeit sehr viel diskutiert. So etwa denken der Journalist und Autor Moritz von Uslar in seinem Artikel in der Zeit und die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer in einem Interview in der Frankfurter Rundschau über den Pop-Charakter und Glam von aktuellen Terrorkriegen nach, ähnlich wie es Thomas Meinecke und ich schon in Bezug auf die R.A.F.-Erfahrung in Deutschland gemacht haben (vgl. Jacke/Meinecke 2008, vgl. zu Pop und Erinnerung grundsätzlich Jacke/Zierold 2009, 2015 und aktuell auch von Eckhard Schumachers daran anschließender Merkur-Kolumne). Ich betone ›ähnlich‹, da beide Phänomene eben doch auch sehr unterschiedlich zu betrachten sind. Fest steht: Das Thema Glaube, Religion und Pop und sein sich offenbar transformierender gegenkultureller Charakter, damit zusammenhängend das »Gefühl der Überlebtheit der Ordnung« (Bude 2014: 13), und zwar in reflexiver Hinsicht, sollten und müssen wir unbedingt auf der Diskurs-Agenda behalten (vgl. auch die zweite Folge meiner hiesigen Kolumne). Um an die Konvivialisten anzuschließen, möchte ich anmerken, dass diese Kolumne und das gesamte ›Heft‹ nicht-kommerziell sind, ähnlich, wie früher viele Fanzines nicht zwingend nach einem Tour- oder Veröffentlichungsplan oder den jeweiligen Interview-Möglichkeiten arbeiteten. Es haben sich in meinen realen und virtuellen Regalen schlichtweg, ganz entspannt, einige Alben angesammelt, die nunmehr besprochen und in Zusammenhänge gestellt werden, manchmal auch schlichtweg Erwähnung finden sollen, freilich nicht gänzlich jenseits marktwirtschaftlicher Regularien, handelt es sich doch um Produkte. Allerdings sind diese rein durch künstlerische Aspekte bei mir hängen geblieben. Haben wir jetzt alle zentnerschweren Begriffe des Zeitgeists untergebracht?

Nun ja, darum geht es bekanntlich nicht, sondern etwa um die Frage, inwiefern die sehr schöne Late Night Tales-Reihe etwa eine erinnernde und referierende (oder auch bei Null startende) Weiterverarbeitung von Popmusik seitens der Kompilierenden ist. Musik zur späten Nacht, Favoriten, die man/frau/xyz schon immer mochte, um einen Werbeslogan zu paraphrasieren, »Sounds für gewisse Stunden«. Der größte Verdienst an dieser mit Fila Brazilia 2001 begonnenen Reihe ist für mich das Diggen, das Ausgraben teilweise verschütt gegangener oder leicht vergessener, geschweige denn noch gar nicht bekannter Lieder. Im Grunde kann dies auch als ein dringender Hinweis auf diese erkenntnisreiche Serie verstanden werden. Denn weniger die Neugierde, welche nächtlichen Lieblingssongs etwa in den letzten Teilen von Django Django, Franz Ferdinand, Automatic Soul (Groove Armada) oder Jon Hopkins kuratiert werden, als vielmehr die sowohl in sich als auch eben in der Reihung ganz vorzüglich passenden popmusikalischen Hörspiele sind absolut schön. Schönheit heißt hier geschmackvolles Zusammenstellen mit dem Gefühl für passende, eben den Vorzug gebende Musik für die Nacht oder Nächte. Dass selbst zunächst mal trash-ästhetisch, mal abgegriffen anmutende Mischungen wie u.a. Leo Kottke, James Last, Philip Glass, Primal Scream, Massive Attack und Canned Heat (Django Django) oder Can, Ian Dury, Serge Gainsbourg, Boards of Canada, Justus Köhncke und Oneohtrix Point Never (Franz Ferdinand) oder – für mich fast ein bisheriges Niemandsland – Sugardaddy, Timex Social Club, Donna Allen oder The Gap Band (Automatic Soul/Tom Findlay von Groove Armada) oder aktuell und im positiven Sinne erwartbar die luzide Mischung aus Ben Lukas Boysen, Four Tet, Darkstar, Nils Frahm, Songs of Green Pheasant, School of Seven Bells und A Winged Victory For The Sullen bei Jon Hopkins, bei diesen Zusammenstellungen schaltet man weder ab noch weiter noch aus. Höchstens ab- um anzuschalten. Der Hopkins-Teil ist jetzt schon fest gebucht in der Heavy Night Rotation und also traumhaft. Bleibt nur noch der eigene Mix, den ich mit Mazzy Star, Jacobites, Sylvia Juncosa, Bersarin Quartett, Galaxie 500, Stars Of The Lid, Epic Soundtracks, Transient Waves, Matmosphere, Bettie Serveert, Scott Matthew und These Immortal Souls beginnen lassen würde – viele davon wurden in den bisherigen Teilen der Late Night Tales auch bereits verwendet.

Zurück zu Hopkins. Der selbst leitet auf seinem phantastischen Mix nämlich quasi über zu A Winged Victory For The Sullens neuem Album Atomos. Der Komponist Dustin O’Halloran und der Gründer der leuchtenden Ambient-Drohne Stars Of The Lid, Adam Bryanbaum Wiltzie, entwerfen als A Winged Victory For The Sullen den Stars sehr ähnliche Gemälde, die manches mal fast ein wenig zu sehr ins Filmmusikalische und plakativ Geigenhafte abdriften (Atomos II), statt genau dieses doch lieber, wie etwa auf Atomos I, noch reduzierter und zurückhaltender geschehen zu lassen, das wirkt dann etwas wie Blockbuster gegenüber dem viel tieferen Programmkino. Beides hat durchaus seine Berechtigung, doch die Victory-Tracks fürs Programmkino sind die beeindruckenderen, obwohl sie offenhörbar nicht eindrücken wollen. Wo Atomos IV geblieben ist, werden uns wohl nur die Musiker verraten können. Eventuell hat das Theatralische mit der damit zusammenhängenden Tanzperformance des Choreographen Wayne McGregor zu tun. Jedenfalls genügen die reduzierteren der elf instrumentalen Teile, um einen vollkommen in einen seltsamen außeralltäglichen Sog zu ziehen, der auch u.a. Thomas Bücker aka Bersarin Quartett/Jean-Michel wohl nicht umsonst begeistert.

So vermeintlich zeitlos A Winged Victory For The Sullen klingen, so sehr scheint das erst jetzt erschienene, ursprünglich zu Beginn der achtziger Jahre produzierte Album des Crammed Disc-Gründers Marc Hollander und der Honeymoon Killers-Sängerin Véronique Vincent an diese Dekade von Avant-Pop, Post Punkt Art School etc. gebunden zu sein. Und nun kommt der begeisternde Aspekt: Hollanders Band Absak Maboul und Frau Vincent gelingt es, über die nun erst erfolgte Fertigstellung eine neue Zeit integriert zu haben, die wiederum über Entdeckungen, Revivals, Zitate etc. (vgl. Schumacher 2015, Jacke/Zierold 2009, 2015) im Gestus der frühen Achtziger angekommen zu sein scheint, mit den Erfahrungen der Jetztzeit. Diese Art Pop-Chansons sind ganz große Indie-Musik, die auf Konventionen pfeift und dennoch einfach nur catchy und coffeetablehaft klingt, mit den kleinen Ecken und überhaupt nicht pseudo-esoterischen Weltmusik-Kanten, wie sie einst von Acts wie Tuxedomoon (deren Blaine L. Reiniger hier auch zu Gast ist bzw. war), Wire, Minimal Compact und anderen im belgischen Musik-, Kunst- und Design-Umfeld geprägt wurden und auch heute wieder mannigfaltigen Anklang finden, etwa bei der kolumbianischen Musikerin Lucrecia Dalt (wenn auch in der dunklen Codeine-Version). Die eigentlichen unfertigen Stücke wurden um Live-Songs und einen Remix ergänzt. Auch ohne diese bildet das Ex-Futur Album eine Quelle leicht verschrobener Songs nicht nur für Fans von Crammed oder Les Disques Du Crépuscule. Ganz fein, dass uns hier beim Diggen so geholfen wurde!

Nicht lange Graben müssen wir, um die auch schon lange anwesende Berliner Band Mutter zu finden: Keiner singt so schief wie Max Müller, kaum welche Zeilen bleiben so hängen, wie dessen Texte. Müller und Mutter waren für mich immer schwer einzuschätzen, mal sehr dunkel und brachial, mal fast poppig und witzig. An anderer Stelle habe ich bereits für das langjährige Wenig-Beachten vom Gespenst Mutter entschuldigt. Jetzt passe ich ja auf, und Mutters neues Album Text und Musik thematisiert bereits selbst gleich zu Beginn, auf dem Song ›Früher oder später‹, Gegenwart und Vergangenheit, Gesellschaft und Bedeutung, eigentlich gleich alle wesentlichen Themen. Um an den Anfang der diesmaligen Kolumne zurück zu kehren und gleichzeitig einen kleinen Link zu den später noch zu besprechenden Einstürzenden Neubauten zu legen: Diese Musik kann einfach nicht von Extremisten zu Folter, Qual und Krieg benutzt werden. Oder anders: Wer dieses als Pein empfindet, kann wohl kein ›guter‹ Mensch sein, besser »immun gegen Hass« (›Wer hat schon Lust so zu leben?‹). Das Gespenst wird immer konkreter, die Songs rumpeln merkwürdig flockig durch den Lautsprecher und verunsichern. Das wollten Mutter doch immer. Das machen sie stets besser. Zudem findet sich auf ›Qui?‹ der für mich seit Galaxie 500 erste gestattete Blockflöteneinsatz in solcher Musik. Noch mal hören.

Wesentlich unruckeliger und gleichzeitig keinesfalls weniger bemerkenswert haben die Japaner von Mono gleich zwei neue Alben veröffentlicht: The Last Dawn und Rays Of Darkness. Vor Jahren stand ich im Publikum, erwartete nicht viel, da ich eh vom Hörensagen informiert zu einem Konzert dieser Gestalten gegangen war. Dann tauchten diese Schatten auf der Bühne auf, es ging nicht darum, gesehen, sondern gehört zu werden. Und wie. Fulminant. Laut. Leise. Nicht umsonst hatte Steve Albini seine Hände auch mal mit im Spiel. Aber den Herrn brauchen Mono gar nicht zwingend. Denn ihre Symphonien stehen für sich. Mono sollten wohl dosiert eingesetzt werden. Dann aber, dann wirken sie. Ich würde sie gerne noch mal live sehen und kann das nur empfehlen, weil ihre Wechsel und Schichtungen (wie hier etwa zwischen den ersten beiden Songs ›The Lands Between Tides & Glory‹ und ›Kanata‹, zwischen Feedback, Hymne und Piano-Kleinigkeit) da noch drastischer in Erscheinung treten. Wie Sigur Rós oder Transient Waves ohne Gesang. Dabei erklingen die Songs von Rays Of Darkness – nomen est omen – deutlich düsterer und im Lande Mono auch ergreifender, höre die 13 Minuten Trauer/Hoffnung/Trauer von ›Recoil/Ignite‹. »In Begriffen der Angst fühlt sich die Gesellschaft selbst den Puls.« (Bude 2014: 12) Wenn man sich verabschiedet, ist man unterwegs und kommt man eventuell auch wieder irgendwo an. Mono nehmen sich dieser großen Unterscheidungen und ihrer Zwischenräume an, verflüssigen sie und schließen damit nicht nur an Überlegungen zur flüchtigen und flüssigen Moderne an (vgl. Bauman 2003), sondern stehen für mich eher für die ambivalente Unübersichtlichkeit (Trauer/Hoffnung) der nächsten Gesellschaft im Sinne des Soziologen und Systemtheoretikers Dirk Baecker (2007, 2015) an. Diese Wucht der Worte und der Mono-Musik. In meinem Kopf jedenfalls. Hier und jetzt jedenfalls. Gar nicht so flüssig, monolithenhaft, und doch fließt es gerade.

Elisa Ambrogios Songs sind sympathisch-rumpelig und wie einst Bettie Serveert (oder deren legendäre Vorläufer De Artsen), Epic Soundtracks, Matmosphere, Jacobites oder These Immortal Souls und gleichzeitig verhuscht-traurig wie Lisa Germano, Sylvia Juncosa oder eine Home Recording-Ausgabe von Mazzy Star, Laura Nyro oder Polly Harvey. Und doch auch anders, intimer. Diese Attitüde kennt man auch von Ambrogios eigentlicher Band The Magik Markers, doch solo und gleichwohl mit minimalistischer Band wirkt sie um so heftiger: ›Kylie‹ gehört m.E. eigentlich auf jede Late Night Tales-Folge. Stets etwas rausgeschossen aus dem krakeelenden Alltag hilft Frau Ambrogio uns, zu flüchten. Knister. Knarz. Also, im Dachboden Sinn jetzt und nicht Pole. Das ist rau und sanft und draußen und doch drinnen, Ambrogio nimmt einen mit, im wahrsten Sinn des Wortes. Ein bescheidener Favourite. Denn so geht das hier über zehn bezaubernde Songs. Inklusive Velvet Underground-/Jesus & Mary Chain-/Spacemen 3-Gedächtnis-Feedback auf ›Far From Home‹ und schwungvoller Indie Rock-Sonne auf ›Stopped Clocks‹. Lasst uns die Uhren anhalten.

Wo Ambrogio auf dem hübschen Dachboden sitzt, dürfte Liz Harris aka Grouper unter dem vermodernden Tisch im Keller hocken. Das ist zwar ein triviales Bild, doch hat Harris sich etwa auf dem Madeiradig-Festival 2013 am spannendsten Abend tatsächlich immer mehr hinter und unter ihre Geräte und Instrumente verschwinden lassen, bis schließlich nur noch ihre eine Hand auf dem Pult erschien und sie kauerte und flüsterte. Und das an einem Abend mit der einen und alle wüst anbrüllenden Pharmakon. Von den Songs her gefällt mir Ruins noch besser als ihre Performance. Vielleicht ja, weil sie hier eben in Momenten des aufmerksamen Hörens vollkommen visuell verschwunden ist – nur ganz weit hinten sind blasse Erinnerungen an den erwähnten Abend zu erhaschen, vor allem bei dem Elfminüter ›Made of Air‹. Und doch auch verblasst alles hinter den irgendwie schillernd blassen Stücken von Grouper. Blässe ist hier Schönheit, Konzentration, eine merkwürdige Ästhetik des Abwesendseins und Verschwindens jenseits des Jenseits oder Nichts.


Verschwindend beginnen auch die Nite Fields mit dem instrumental-zurückhaltendem ›Depersonalised‹, dann geht es hinüber zum dunkel-kühlen ›Fill The Void‹, das in seinem wummernden Sound sehr an New Wave-Produktionen der späten Siebzieger, frühen Achtziger erinnert. Die Australier klingen hier absolut Britisch und nach allerbestem Post Punk. Mit Nigel Lee-Yang von HTRK wurde erstmals ein externer Produzent bestellt, der vom Ansatz her gleichwohl nicht gerade fremd daher kommt. Nun kommt das Entscheidende: Für Ohrenzeugen dieser Zeit ist das ebenso spannend wie für Nachgeborene. Auf zur Entdeckungsreise, denn wer die Nite Fields mag, wird automatisch die wundervollen The Church, The Chameleons, die ersten Maxi-Singles von New Order und auch die aufregenden Alben der anschließend nicht immer überzeugenden The Cure (Pornography, Seventeen Seconds) oder Simple Minds (ja, auch die hatten früher sehr schöne Alben, etwa New Gold Dream (81 – 82 – 83 -84)). Auch hier heißt es wieder, auszugraben. Die Nite Fields aus Brisbane/Melbourne geleiten einen via schwebende Songs wie ›You I Never Knew‹ in diese Gefilde. Kultürlich kann es auch bei ihnen bleiben, Referenzen müssen nicht ge- oder erkannt werden, manches mal identifizieren wir Beobachter ja sogar mehr als die Musizierenden es angedacht haben. Die Spur scheint als Angebot gelegt.

Eine Band, die immer ambivalent gegenüber den genannten Entwicklungen nach Punk und Industrial und doch auch parallel dazu erschien, sind die Einstürzenden Neubauten. Über ihr Gesamtwerk muss nicht viel gesagt werden, Meilensteine des anderen ›Rocks‹, der sich des Rocks entledigt, neue Welten aufzeigt, die wahrlich nicht immer schön und angenehm sind, das haben die Neubauten über so unglaubliche Alben wie Kollaps oder Halber Mensch, auch das fast schon tatsächlich wavige Haus der Lüge und Tabula Rasa bewiesen. Mit Lament sind die eben angesprochenen Nachgeborenen besonders herausgefordert, in diesem Fall zählen wir alle, inklusive den Neubauten selbst, dazu, haben wir doch keinen der Weltkriege selbst erlebt. Dass die Neubauten den Terror des ersten Weltkriegs, das Ächzen, das Verlieren, das Unberechenbare, eigentlich das wohl und erst Recht für uns und sie Unbeschreibliche denn doch in formlose Formen gießen, ausgiebig recherchiert, sogar von historisch Forschenden unterstützt wurden, verwundert kaum. Für diese hier festgehaltene Performance werden keine Kompromisse gemacht, denn Krieg scheint kompromisslos, inklusive Anti-Hymnen, Krachmonstern und einer verschrobenen Cover-Version von ›Sag mir wo die Blumen sind‹. Ich habe das Lied über eine LP von Marlene Dietrich kennen gelernt. Mit den Neubauten gelingt die tiefe Trauer dieses Lieds fast genauso. Dass Blixa Bargeld mit Vocoder funktioniert und erfreulicherweise eher nach Hauntology als Cher klingt, be(un)ruhigt.

Im schier unübersichtlichen Werk von Howe Gelb, seiner Band Giant Sand und allen seinen Seitenprojekten bildet diese Kooperation mit den im weiten Sinn Postrockern Radian aus Österreich einen ganz Besonderen Juwel: Gelbs seltsam, stets improvisiert wirkende Einlagen, Wendungen, Irrungen, die manch einen Mitmusiker vor allem live wohl schon zur Verzweiflung getrieben haben dürften, scheinen hier selbst herausgefordert zu werden. Auch wenn Radian offenbar Fans vom schrägen Mastermind Gelb sind (wer ist das nicht?), so gelingt es dieser Band, Gelb selbst zu bewegen und ihn förmlich zumindest mit hin- und herspringen zu lassen. Diese neue Super-Band würde ich gerne einmal live sehen, Americana wird hier in im wahrsten Sinn ver-rückte Verhältnisse eingepasst, entkleidet und elektronisiert stehen gelassen. Wow, komplex, trotzdem groovy, faszinierend, ganz starker Tobak, nun aber wirklich, ich möchte dabei gewesen sein, ein dreckiges, funky Ding wie ›Saturated Beyond‹ wünscht man jedem langweiligen Indiemusik-Abend. Die haben definitiv nicht alle Tassen im Schrank hier, sondern experimentieren auf ihnen herum, zwischen Hörspiel, Dancefloor und Jazz-Labor.

In die ruhigen, sphärischen Momente von Radian/Howe Gelb könnte man problemlos The White Birch eingießen. Das liegt bei aller Unterschiedlichkeit sicherlich auch daran, dass diese Norwegischen Sigur Rós, wie sie oft genannt wurden, eine ganz ähnliche Haltung gegenüber Rockism verklanglicht hatten und etwas Anderes danach, also den klassischen Postrock eben (s.o.) versuchten. The White Birch befanden sich da immer näher an den als Namensgeber dienenden Codeine, Godspeed You Black Emperor als an Tortoise oder UI. Nach der Wiederaufnahme der Band durch ihren Kern Ola Floettum erscheinen sie auch wieder auf ihrem ursprünglichen Label aus dem Weserbergland. Um diverse Gäste ergänzt nun also das erste Album seit zehn Jahren. ›New York‹ macht bereits klar, dass es hier langsam, intensiv und konzentriert zugeht. Slowcore oder Slowrock mehr noch als jedes experimentelle Danach scheint The White Birch wichtig zu sein. Sie sind hier absolut orchestral geworden, noch mehr an den Tindersticks oder Dakota Suite als zuvor – mit viel Piano und tiefer Stimme (exemplarisch ›Solid Dirt‹). Und (be-)rühren einen. Sollte ich schreiben, es hat sich nicht viel geändert? Wieso klingt das eher negativ in diesem Kontext? Denn es ist doch gut so bei The White Birch. Sehr gut. Ein bisschen Halt(ung) kann nicht schaden.

Nicht um Frisur- und Modelook, sondern ebenso im Sound, in der Instrumentierung, sogar in den Texten sind die guten Seiten und Zeiten der popmusikalischen Achtziger schon seit geraumer Zeit (gibt es eigentlich gezeitlichten Raum?) wieder und auch neu gegenwärtig. Der Kanadier Travis Bretzer kann irgendwie schlecht abstreiten, dass er sich viele Popbands der frühen Achtziger angehört und angeeignet hat (vgl. zur Aneignung und Teilnahme in der Kunst aktuell und zur Übersicht Spohn 2015). Da treffen bester Sophisticated Pop auf Country-Elemente und keinerlei Angst vor dem seichten Kitsch. Travis Bretzer muss einfach Prefab Sprout gehört haben, biegt aber immer genau in den Momenten, wo Paddy McAloon und seine wunderbare Band reflexiv wurden, ab auf die Straße des auch mal argen Gitarrensolos. Das kann dann schon mal grenzwertig werden, aber viel spannender als die Frage, ob Bretzer nun deswegen gleich geschmacklos ist, ich denke, er ist gar nichts los, scheint mir die Überlegung, warum schon vor Jahren etwa die ganz fluffigen Alben des Alan Parsons Project plötzlich wieder hip waren. Nicht falsch verstehen, davon waren einige unter meinen allerersten Pop-Platten (The Tales of Mystery and Imagination – Edgar Allan Poe von 1976, bei mir in einem Zuge mit ABBAs Arrival und Unmasked von Kiss angeschafft). Kreuzt man das mit Ariel Pink’s Haunted Graffiti, trifft man die Musik von Bretzer ganz gut. Das ist nicht wahllos oder beliebig, das lässt einen manchmal eingelullt zurück.

Im Ansatz ganz ähnlich, Westküste, Alan, Paddy und all die anderen inhaliert habend, aber wesentlich weniger verwaschen und sicherlich auch weniger bewusst flauschig wirken Sam Genders’ Diagrams aus mittlerweile Sheffield. Im Info hätte man i.Ü. durchaus auch Cabaret Voltaire aufzählen können, wenn diese auch nichts musikalisch mit den Diagrams zu tun haben, sondern immer eher für die Industriestadt in Nordengland standen. Die Diagrams sind leichter, poppiger und dennoch auch mit diesem typischen hornbrilligen Indie-Gestus wie erfolgreiche Weggefährten à la Tunng, Arctic Monkeys oder sogar Kings of Convenience ausgestattet. Ein ›Gentle Morning Song‹ kann einfach nur helfen und die Sonne aufscheinen lassen, für die verregneten und depressiven Momente haben wir ja hier in diesem Teil der Kolumne auch schon einiges vorgefunden. Diagrams jedenfalls machen Mut, auch wenn das nicht immer hilft, dafür gibt es dann ja schon auch Songs wie ›Desolation‹.

Desillusioniert wirken schon die ersten Klänge und Beats von Prairie, die dunkle Seite von Phon.o, das Poppige in Ben Frost (an dem Jacobs manchmal arg nah entlang schwebt, höre ›Hell & Fix‹), das Verrückte von Modeselektor und einfach nur zunächst scheinbar böse-prollig, dann aber durchkonzipiert abgründige Dinger wackeln, nein, schlurfen sehr schräg grinsend auf dich zu. Fair enough, was ›End Of‹ heißt, darf auch unruhig so heißen. Oder? Marc Jacobs aus den Niederlanden fügt sich bei meinem freitäglichen Blick aus dem Fenster in die Spätwintersonne nicht diesem gut gelaunten Dogma. Vielleicht ist alles ja nur eine Simulation und das Krieg-der-Welten-Teil stapft gleich in die hiesige Spießbürgerstraße. Ja, ich denke, die Maschinen der Marsianer aus Krieg der Welten von H. G. Wells hör(t)en solche Musik. Es dröhnt. Und glitzert. Das war es dann wohl.

War es eben doch wieder nicht: Denn Spectres machen beim Ende weiter, sind sozusagen die Zombies des Feedback-Pop, lassen Loop, frühe My Bloody Valentine, Jesus & Mary Chain, Spacemen 3, A Place To Bury Strangers, Crystal Stilts, Wooden Shjips, und Raveonettes wieder und weiter leben. Und schließen in ihrer abwesenden Konzentration an Sonic Youth etc. an. Überhaupt nicht verwunderlich, dass Sonic Boom (Pete Kember aka Spacemen 3, Spectrum, Experimental Audio Research) die Spectres aus Barnstaple und später Bristol produziert (wie zuletzt auch schon u.a. MGMT, Dean & Britta) ein Ohr auf die geworfen hat. Das passt sehr krachig. Ich kann nicht genug von dieser Art aggressivem Shoegazertum bekommen. Passive aggressive mit Gitarren sozusagen, und das ist ob dessen unfreundlicher Effektivität im Persönlichen hier als Kompliment im Popmusikalischen gemeint.

Basslastiger, klarer, zäher und doch auch an eine Attitüde des eher herunterschauenden Suchens angelehnt, die den vergleichsweise jungen Spectres nicht fremd sein dürfte, begeben sich Colin Newman, Malka Spigel, Max Franken und Robin Rimbaud auf den Weg – mal wieder (2007 Art Pop und 2009 Landing). Denn sie haben bereits Jahrzehnte innovativer Popmusikgeschichte geschrieben. Dafür stehen Band- und Projektnamen wie Wire, Immersion, Minimal Compact, Scanner. Githead ist weit mehr als ›nur‹ ein gelegentliches Treffen dieser Protagonisten von Art, Post Punk, New Wave, Elektronik, Minimalem und in jeder Hinsicht und im ursprünglichem Sinne Indietum. Vor dem sozialisatorischen Hintergrund verwundern Sound und Gestus von Githead nicht (erneut stark erinnernd an Lucrecia Dalt, s.o., die mir gegenüber auf dem Madeiradig-Festival andeutete, dass sie diese Szenen nicht kennen würde). Gleichwohl könnten sie ja auch als Abklatsch ihrer selbst wirken. Das tun sie keineswegs. Githead sind eben immer noch ›on the run‹ oder besser ›Not Coming Down‹. Spätestens wenn Spigels und Newmans so wohl bekannte Stimmen erklingen, ist man wieder an Bord dieses Weltenschiffes.

Wenn Prairie irgendwo aus der Kanalisation zu kommen scheinen, dann dürfte auch die Kölner Künstlerin Sonae ihren Ursprung irgendwo zwischen den Rohren und dem Hafen haben. Allerdings drängt Jacobs eher in den Club hinein, während Sonae das Licht zu suchen scheint. Bisher stieß man auf die schönen Sounds von Sonae meist im Zusammenhang von Markus Guentner. Kein Wunder, dass sie sich viele Fans im Kompakt-Umfeld gemacht hat. Und ähnlich wie dieser scheinen letztlich auch Sonaes Tracks doch einen guten Charakter zu haben, bei allem Schleichen, aller Düsternis, die immer wieder durchscheint, münden ihre Tracks zwischen Ambient und Electronica (und ganz leichten Dub-Anklängen, die etwa auf ›Hot Summer Day‹ und ganz vorsichtig auch auf ›Gewitterspaziergang‹ beinahe an den etwas in Vergessenheit geratenen Pole erinnern) oftmals in einem freundlich-melancholischen Innehalten (höre etwa das Titelstück). Ich habe diesem Album erst keine Zeit gegeben. Da war es weg. Dann fiel es mir wieder ein. Ich erinnerte mich, dass mir Die Aufhebung Platz und Zeit gibt. Ich hörte es aufmerksam an. Nun liebe ich es. Vielleicht sollte das öfter im Leben so laufen. Pole findet hier eine Nennung, weil die Sounds von Sonae mich stark versetzen in eine andere Zeit Ende der Neunziger, in Berlin, als alles so aufregend um diese neue Musik war, das Zögern, dann Entdecken, die Beats, der Dub, das Rauschen, die Nacht usw.

The Pop Group waren für mich immer eine der spannendsten britischen Post Punk-Bands neben den ebenso tollen Swell Maps und Wire (s.o. Githead). Seltsamerweise habe ich die Pop Group durch ein laut-schräges Album von Mark Stewart kennen gelernt, bei dem ich auch erst nach und nach verstehen lernen musste, warum hier wie vermeintlich schlecht abgemischt und zitiert wurde (Erik Satie etwa, hier auf ›Mark Stewart‹ von 1987, auf das ich durch eine Radiosendung im WDR-Hörfunk gestoßen war). Erst dann und durch mannigfaltige Erwähnungen an diversen journalistischen Orten wurde mir klar, was es hier zu entdecken gab und gibt. Belle & Sebastian haben sie übrigens in ihrem Mix der Late Night Tales verwendet. Die Goldenen Zitronen haben Stewart gleich zusammen mit Melissa Logan mit auf ihren Song ›Drop The Stylist‹ genommen (und sich bestimmt Stewarts nervigem Gesang zum Vorbild gemacht, der eben nicht gefallen will). Während Swell Maps (bzw. im Falle der Birminghamer Band um die leider verstorbenen Brüder Nikki Sudden und Epic Soundtracks und den kongenialen Kunstlehrer Jowe Head) und auch die Art School-Gruppe Wire letztlich näher an Punk, Glam und Rock’n’Roll blieben, suchten The Pop Group stets den Dub zu verarbeiten. Da, wo Githead eher gelassen und souverän spielen, sind Pop Group und Mark Stewart absolut zentnerschwer und gleichzeitig zappelig, nervös, wollen weiter, und das macht sie absolut relevant. Stewart nervt, jault und ruckelt uns wach. Wahrlich ein funky Zombie, diese Band, die definitiv nicht ganz dicht bzw. stilecht ist, für mich das absolute Grande Finale dieser Kolumne. Ein Festival, das.

Abspann 1: The Pop Group – Nowhere Girl.

Abspann 2: »Immer noch nicht belasten?«, fragte mich die freundliche Dame vom Essensbringdienst heute Morgen. »Nein, immer noch nicht belastbar«, murmelte ich ihr seltsam emotionslos entgegen, als sie meine Wohnung verließ.


 

Text

Christoph Jacke

Fotografie

© Die Aufhebung
 

  • Hör|Spiel





















  • Ton|Träger


    V/A, »Late Night Tales: Django Django / Franz Ferdinand / Automatic Soul / Jon Hopkins«, Late Night Tales, 2014/2015.
    A Winged Victory For The Sullen, »Atomos«, Erased Tapes Records, 2014.
    Véronique Vincent & Aksak Maboul, »Ex-Futur Album«, Crammed Discs, 2014.
    Mutter, »Text & Musik«, Clouds Hill, 2014.
    Mono, »The Last Dawn« / »Rays Of Darkness«, Pelagic, 2014.
    Elisa Ambrogio, »The Immortalist«, Drag City, 2014.
    Grouper, »Ruins«, Kranky, 2014.
    Nite Fields, »Depersonalisation«, Felte, 2015.
    Einstürzende Neubauten, »Lament«, Mute, 2014.
    Radian + Howe Gelb, »Radian Verses Howe Gelb«, Radian Releases, 2014.
    The White Birch, »The Weight Of Spring«, Glitterhouse, 2015.
    Travis Bretzer, »Waxing Romantic«, Mexican Summer, 2015.
    Diagrams, »Chromatics«, Full Time Hobby, 2015.
    Prairie, »Like A Pack Of Hounds«, Shitkatapult, 2015.
    Spectres, »Dying«, Sonic Cathedral, 2015.
    Githead, »Waiting For A Sign«, Swim, 2015.
    Sonae, »Far Away Is Right Around The Corner«, Monika, 2015.
    The Pop Group, »Citizen Zombie«, Freaks R Us, 2015.

  • Quellen


    BAECKER, Dirk (2007): Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
    BAECKER, Dirk (2015): Zur Nullzinspolitik der Notenbanken. An der Schwelle zur nächsten Gesellschaft. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. 69. Jg. Heft 788 (Januar 2015), S. 18-29.
    BAUMAN, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
    BUDE, Heinz (2014): Gesellschaft der Angst. Hamburg: Hamburger Edition.
    LES CONVIVIALISTES (2014): Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens. Bielefeld: Transcript.
    JACKE, Christoph; MEINECKE, Thomas (2008): Vorübergehende Vergegenwärtigungen in der Popkultur. Ein Gespräch über das Sprechen über und das Erinnern von Pop. In: Jacke, Christoph und Zierold, Martin (Hrsg.): Populäre Kultur und soziales Gedächtnis: theoretische und exemplarische Überlegungen zur dauervergesslichen Erinnerungsmaschine Pop. Popular Culture and Social Memory: Theoretical and Empirical Analyses on The Oblivious ,Memory-Machine‘ Pop. Siegener Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft (SPIEL). Heft 24/2, 2008. S. 239-256.
    JACKE, Christoph; ZIEROLD, Martin (2009): Produktive Konfrontationen. Warum der Erinnerungsdiskurs von dem Austausch mit der Popkulturforschung profitiert – und umgekehrt. In: Medien & Zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart. Populäre Erinnerungskulturen. Erinnern und Vergessen in der Medienkultur. 24. Jg. Heft 4/2009, S. 4-13.
    JACKE, Christoph; ZIEROLD, Martin (2015): Gedächtnis und Erinnerung. In: Langenberg, Swantje; Hepp, Andreas; Krotz, Friedrich; Wimmer, Jeffrey (Hrsg.): Handbuch Cultural Studies und Medienanalyse. Wiesbaden: VS, S. 79-89.
    KRÄMER, Gudrun; WIDMANN, Arno (2015): „Der Koran ist kein Handbuch des Völkerrechts.“ Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer über simple Interpretationen, gewaltnahe Popkultur und die Problematik des „Umerziehungsprogramms“. In: Frankfurter Rundschau. Nr. 25 vom 30.01.2015, S. 30-31.
    SCHUMACHER, Eckhard (2015): Vergangene Zukunft. Popkolumne. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. 69. Jg. Heft 788 (Januar 2015), S. 58-64.
    SPOHN, Anna (2015): Handlung, Teilnahme und Beteiligung. Partizipation zwischen Politik und Kunst. In: Kunstforum International. Band 231: Kunstverweigerungskunst I (Februar – März 2015), S. 74-89.
    VON USLAR, Moritz (2015): Die Lust am Krass-Sein. Wie viel Pop steckt im Terrorkrieg des „Islamischen Staates?“ Ein Erklärungsversuch. In: Die Zeit. Nr. 05/2015 vom 29.01.2015, S. 43-44.


 

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